Zwei häufig verwendete Schlagwörter am aktuellen Tagesgeschehen, rund um die Unternehmensentwicklung, sind „agil“ und „Digitalisierung“. Kann die Zukunft eines Unternehmens auf solchen Säulen basieren oder ist das eine aktuelle Blase die platzen wird und alles geht seinen Gang wie gehabt?

Ganz ehrlich; eigentlich haben wir es gar nicht mit neuen Erkenntnissen zu tun. Den Begriff Agilität gibt es schon seit dem 16. Jahrhundert und das was wir mit Digitalisierung verbinden beginnt spätestens 1980, mit der Vorstellung der ersten Audio-CD. Warum werden diese Begriffe also wieder aus der Mottenkiste geholt und uns um die Ohren gehauen?

Vor einer Antwort möchte ich zwei Beispiele aus der Vergangenheit aufzeigen, die des Ganze etwas verbildlichen.

Vor langer Zeit …

Ich erinnere mich an einen Fall Mitte der Neunziger. Rechnerterminals waren derzeit direkt mit den Servern gekoppelt und Netzwerke verbreiteten sich gerade erst auf dem Markt. Standardsoftware für Unternehmen befand sich gerade erst in der Entstehungsphase. Individualsoftware, zugeschnitten auf die Anforderungen und Prozesse des Kunden, war die Regel.

Beispiel 1: Technische Umstellung

Bei einem unserer Kunden sollten ca. 5% der Mitarbeiter mit Word arbeiten. Dafür wurde die komplette Infrastruktur auf Novell Network umgestellt und sämtliche Arbeitsplätze mit PCs versehen. Diese erhielten eine Terminalemulations-Software um die bestehende Anwendung weiter zu nutzen.

Im Laufe der Zeit entdeckten die Mitarbeiter, den Mehrwert von Diskettenlaufwerken. Es ließen sich wunderbar Spiele installieren. Wer erinnert sich nicht an Leisure Suit Larry, The Need for Speed oder Caesar.
Die Konsequenz: die Diskettenlaufwerke wurden, mit wenigen Ausnahmen, alle ausgebaut. Was blieb letztendlich über? Ein normaler Terminalarbeitsplatz, mit einem eigenen Rechner und Betriebssystem. Diese Generation der PCs hat nie die Funktionalität eines Netzwerks genutzt, dafür aber sämtliche Ausfälle, die ein Netzwerk seinerzeit haben konnte, mitgenommen.

Beispiel 2: Softwarewechsel

Bereits Mitte der 90er hatte das Unternehmen einen Mitarbeiter, den man heute CDO (Chief Digital Officer) nennen würde. Das Geschäftsmodell war sehr speziell. Zusammen mit CDO und Mitarbeitern wurden Prozesse neu definiert und die Software über die Bereiche Einkauf, Produktion und Kalkulation, sowie den Verkauf und die Provisionsabrechnung auf den Leib geschneidert. Das Unternehmen war gut aufgestellt und im Wachstum.

Als die Inhaber aus Altersgründen das Unternehmen an eine Holdinggesellschaft verkauften, wurde, zwecks Konsolidierung, deren Standardsoftware eingeführt. Der CDO und die Geschäftsführung waren den Tränen nahe, als sie Ihre individuellen Prozesse in einen allgemeinen Standard pressen durften. Produktion und Kalkulation wurden mittels Excel und Access „integriert“. Geht doch.

Was haben diese Beispiele mit agiler Digitalisierung zu tun?

Digitalisierung ist ganz klar. Es handelt sich bei beiden Beispielen um hardware- bzw. softwarebasierte Fälle. Interessant wird es erst, wenn man die Agilität mit ins Spiel bringt.

Folgende, treffende Definition findet man auf www.onpulson.de:

Agilität ist die Fähigkeit einer Organisation, flexibel, aktiv, anpassungsfähig und mit Initiative in Zeiten des Wandels und Unsicherheit zu agieren. […] Agilität entstand als Reaktion auf langsame, bürokratische Organisationen, um veränderten Marktbedingungen zu begegnen.

Britta Redmann (Director Corporate Development und HR, VEDA GmbH) leitet im Artikel Agilität als Organisationsform das Manifest für agile Softwareentwicklung ab:

Das agile Manifest ließe sich als kleinster gemeinsamer Nenner wie folgt auch auf Unternehmen übertragen und bietet einen Orientierungsanker:

  • Menschen und Interaktionen sind wichtiger als Prozesse und Werkzeuge
  • Funktionierende Abläufe sind wichtiger als eine umfassende Dokumentation
  • Zusammenarbeit mit dem Kunden ist wichtiger als die ursprünglich formulierten Leistungsbeschreibungen
  • Reagieren auf Veränderung ist wichtiger als das Festhalten an einem starren Plan

Welchen Vorteil bietet agile Digitalisierung in genannten Beispielen?

Im Fall der Umstellung von seriellen Terminals auf PCs im Netzwerk ist es sehr plakativ. Anstelle die Umstellung auf allen Arbeitsplätzen auf einmal durchzuführen, werden nur die umgestellt, bei denen es notwendig ist und prüft erst einmal wie es funktioniert. Zu der Zeit waren Netzwerke recht instabil und man hätte mit hoher Wahrscheinlichkeit schon ab diesem Moment nicht weiter vernetzt. Wenn trotzdem schrittweise weiter vernetzt hätte, wäre die abnehmende Produktivität festgestellt worden. Am Ende wurde in eine Maßnahme investiert, die 30 % Produktivverlust bedeutete.

Was hat betriebswirtschaftliche Standardsoftware mit Agilität zu tun?

Vermutlich nichts, aber auch rein gar nichts. Viele Unternehmen haben in den 1990ern und danach, Ihre Prozesse in das Korsett eines Standards gezwängt. Das war seinerzeit sicherlich legitim, da eine Standardsoftware-Einführung vermeintlich schneller ging, jedoch bieten aktuelle Werkzeuge die Möglichkeit, individuelle Prozesse schnell zu implementieren. In Ihnen liegt der Mehrwert der meisten Unternehmen. Sie fangen nicht im Server an und hören dort auch nicht auf. Sie müssen die Menschen unterstützen, die sie leben sollen und sie verändern sich, gerade in heutiger Zeit, ständig.

Agilität bedeutet zum Beispiel, Kunden schnell und flexibel Möglichkeiten zu bieten, wie er mit uns in Kontakt treten kann. Nicht lange große, starre Projekte planen die am Bedarf vorbeigehen. Sondern kleine Tools zu entwickeln, die in kurzer Zeit umgesetzt sind. Neue soziale Netzwerke, Messenger oder Endgeräte wechseln ständig. Und bitte, machen Sie die Lösung mobil.
Inhouse bedeutet es, auch in Projekten, jederzeit auf neue Situationen reagieren zu können und umzusteuern, wenn es eine bessere Lösung als die geplante gibt.
Es funktioniert nicht mehr ein Projekt so abzuarbeiten, dass nach Fertigstellung bereits veraltet ist. Entweder weil es technisch überholt ist oder sich die Anwender (Kunden oder Mitarbeiter) nicht in der Lösung wiederfinden, da sie nicht in den Prozess der Entwicklung einbezogen wurden.

Zielgruppen die in den Prozess der Lösungserstellung eingebunden werden, sind ein Gradmesser, ob die Lösung auch funktionieren kann. Personen die mitgewirkt haben, werden das Ergebnis tragen und den Change der stattfindet deutlich vereinfachen.

Und wenn man während der Arbeit feststellt, dass eine Sache nicht funktioniert und das Ergebnis nicht den Erwartungen entspricht, dann muss man in genau diesem Moment stoppen und einen neuen Weg testen.

Und das Ende der Geschichte?

Inzwischen sind viele Jahre darüber vergangen. Das genannte Unternehmen ist trotz exponierter Produkte langsam, aber stetig vom Markt verschwunden und samt eigenständiger, europäischer Vertriebspartner in einem anderen Unternehmen untergekommen.

Ich habe auch noch lockeren Kontakt zu einem anderen Kunden, den ich seinerzeit parallel betreut habe. Dieser war seinerzeit deutlich kleiner, ist allerdings den agilen Weg immer weiter gegangen. Es liegt bestimmt nicht nur an der IT, aber der Kunde ist inzwischen auch international gut aufgestellt.

Fazit

Die Begriffskombination „Agile Digitalisierung“ ist wirklich Buzzword-Bingo. Digitalisierung findet statt und Agilität können wir nicht wegleugnen. Agilität ist, da wo sie Sinn macht, vom gesamten Unternehmen gefordert. Agil sein heißt selber zu definieren, wie Sie Ihren Kunden mit bestmöglichen Angeboten entgegenkommen. Agieren anstatt reagieren und dem Markt hinterher laufen. Innerbetrieblich heißt es, bestmögliche Unterstützung meiner Mitarbeiter, damit meine Prozesse diesen und dem Markt entgegenkommen. Und nutzen Sie dabei die Ressourcen Kunde und Mitarbeiter. Denn wer mitgestalten darf, steht hinter der Lösung. Zudem ändern sich die Bedingungen am Markt in einem Tempo, dass schnelles handeln und flexible Lösungen erforderlich sind.

PS: Falls sich übrigens noch jemand an fehlender, umfassender Dokumentation stört: Ich habe in 30 Jahren inzwischen einige Dokumentationen geschrieben und begleitet. Glauben Sie mir, die Leute greifen am Ende zum Telefonhörer, nicht zur Doku. Und wenn sie selber mitentwickelt haben, brauchen sie die Doku eh nicht. Aber das nur so am Rande…

Foto-Nachweis

Donald Tong (CC0 Lizenz)

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