Regelmäßig kann man lesen, dass die Digitalisierung viele Jobs vernichtet, jedoch auch, dass neue Jobs entstehen werden. Dabei darf nicht aus dem Fokus geraten, dass sich Jobs die bestehen bleiben ebenfalls einem elementaren Wandel unterziehen (müssen). Warum ist das so und welche Möglichkeiten haben wir, diese Veränderungen zu gestalten?

Um das warum zu verstehen müssen wir hinterfragen, wie unsere Arbeitsplätze bislang definiert wurden und werden dabei mit dem Begriff des Taylorismus konfrontiert. Was genau steckt dahinter? Der amerikanische Ingenieur Frederick Winslow Taylor (*1856 – †1915) veröffentlichte 1911 das Konzept des Scientific Management, das beschreibt, wie Arbeit optimal zu organisieren sei. Er entwickelte Methoden, wie Arbeitsabläufe idealerweise zu gestalten seien, damit sie reibungslos und mit bestmöglicher Effizienz durchgeführt werden konnten. Arbeitsplätze wurden so gestaltet, dass sie klar umrissene Aufgaben umfassten. Arbeiter und Angestellte wiederum wurden zu Spezialisten ausgebildet, die diese definierten Aufgaben optimal abwickeln konnten. Die Industrialisierung schrie förmlich nach festen Regeln und Vorgaben, die es ermöglichten, die umfassenden Anforderungen einer Produktion optimal abzuwickeln. Angefangen bei der Bestellung bis hin zur Auslieferung der Ware. Die Mitarbeiter konnten selbstständiges Denken am Werkstor einstellen und mussten nur ihren vorgeschriebenen Tätigkeiten nachgehen. Neue Anforderungen wurden durch das Management delegiert und in Arbeitspakete zerlegt,  die eine optimale Effizienz versprachen. Ein festes Regelwerk, das es einzuhalten galt.

Die Industrie hat gefertigt und der Markt, also die Kunden,  haben genommen was der Markt anzubieten hatte. Das galt für Fertigungsunternehmen ebenso wie für Dienstleister, wie beispielsweise Banken, Versicherungen, Behörden und Ämter. Der Leistungserbringer bestimmte den Markt und somit die Regeln. Die Regelwerke sorgten für Struktur und Effizienz. Komplexität wurde gemanagt und in klar vordefinierte Arbeitsschritte unterteilt. Taylorismus ist, wenn man es auf die Spitze treiben will, eine Unterteilung von Arbeit in denkende und ausführende Instanzen.

Kreatives Denken wird zur Pflicht

Schule und Ausbildung wurden darauf getrimmt dieses System optimal zu unterstützen. Wissen aufnehmen und auf Abruf wiedergeben. Kreative Lösungsentwicklung, also Querdenkertum, war gleichbedeutend mit Ausbruch aus dem System, dass die Arbeitswelt abforderte. Selbstständiges Arbeiten und Entwickeln von Lösungen bei komplexen Anforderungen wurden erst mit dem Studium relevant.

Mit zunehmender Vernetzung der Menschheit, die durch das Internet und seiner exponentiellen Verbreitung ein unmanövrierbares Verhalten aufweist, bricht dieses System des Taylorismus auf einmal in sich zusammen. Plötzlich stellen die Kunden Anforderungen an Hersteller und Dienstleister, die noch immer in ihren Regelwerken gefangen sind und Schwierigkeiten haben, dem Markt flexibel zu begegnen.

Ein Beispiel, das mir dazu einfällt, ist ein Küchenkauf, den wir bereits vor Jahren getätigt haben. Da es sich um eine ältere Immobilie handelte, entsprach die Küche nicht den aktuellen Normmaßen. Zudem gab es auch zwei Ecken, die wir, sowohl aus optischen Gründen, als auch um Stoßkanten zu vermeiden, gerne abgeschrägt haben wollten. Mit diesen Wünschen sind wir von Möbelhaus zu Möbelhaus bzw. Küchenstudio gewandert. Keines der renommierten Häuser hat ein so richtig zufriedenstellendes Angebot machen können. Überall standen Kompromisse an, die durch die vorgeschriebenen Lösungswege entstanden wären. Fast zum Kompromiss bereit haben wir den Tipp für ein kleines Möbelhaus auf dem Land erhalten. Dort konnte vollkommen frei agiert werden. Handgefertigte Regale, die vom Originalmöbel nicht zu unterscheiden sind und ideale Korrektoren für „unmögliche“ Maße sind. Dazu geschickt verleimte Arbeitsflächen, die angeblich „nicht wie gewünscht realisierbar“ waren. Und das Ganze zu einem Preis, der den Standardlösungen gleichzusetzen war. Wir hätten sogar mehr bezahlt, wenn es notwendig gewesen wäre. Das Unternehmen konnte dieses Angebot nur deshalb erbringen, da es nicht internen Regeln, sondern allein dem Kundenservice verbunden war (und zum Glück noch heute ist).

Ein anderes Beispiel können Ärzte und Behörden liefern. Wo sonst als dort wird unsinnig Lebenszeit von Patienten und Antragsstellern verschwendet. So scheint es, dass eine interne Regel besagt, nur Patienten die zum vereinbarten Terminzeitpunkt anwesend sind, Anspruch auf einen Termin zu geben. Auch wenn dieser letztendlich erst Stunden später stattfindet. Sie aus dieser Regel zu entlassen und flexibel zu agieren, schaffen nur wenige Praxen und Behörden. Bei den Arztpraxen hege ich ja noch Hoffnung. Bei den Behörden fehlt der Wettbewerb.

Schnelles Agieren auf Anforderungen des Marktes notwendig

Längerfristige Prognosen und Planbarkeit sind nahezu unmöglich geworden. Wahlprognosen und vollkommen konträre Aussagen in Pressemeldungen sind ein gutes Beispiel dafür. Die einen schreiben, dass Deutschland gut aufgestellt ist in Bezug auf Industrie 4.0 und die anderen benennen Deutschland als abgeschlagenen Nachzügler. Und beides am selben Tag. Unternehmen, die nach den Prinzipien des Taylorismus organisiert sind, haben damit ein spürbares Problem. Diejenigen, die die komplexen Aufgaben zu steuern haben, die Manager, sind mit der Masse der Aufgaben vollkommen überfordert. Eigentlich nicht erst seit kurzem, jedoch wird es jetzt eindeutig spürbar. Der Markt, also die Kunden, äußert seine Bedürfnisse und möchte diese erfüllt sehen. Die Sachbearbeiter mit eingeschränkten Entscheidungskompetenzen leiten alle diese Wünsche an das Management oder blocken einfach ab. Das passiert zwar schon lange so, jedoch hat sich Unzufriedenheit eher im Kleinen abgespielt. Inzwischen wird Unzufriedenheit sofort in den sozialen Netzwerken öffentlich gemacht. Der öffentliche Druck auf die Unternehmen wird massiv und das Management erhält zusätzliche, komplexe Aufgaben.

Fazit

Wird Entscheidungskompetenz und Verantwortung auf viele Schultern verteilt, kann schnell und flexibel auf den Markt zu reagiert werden. Das bedeutet Bildung den Anforderungen anpassen (siehe Digitale Bildung – Lernen für die Zukunft), Organisationsstrukturen flacher zu gestalten und Prozesse neu zu definieren. Was automatisierbar ist, muss automatisiert werden und dafür sorgen, dass die Kunden möglichst schnell und zielgerichtet geleitet werden. Kreativität ist für Menschen viel wichtiger als Wissen, denn das halten digitale Systeme viel besser.

Die Veränderung wird ein massiver Schritt für viele sein. Wie sagte jedoch bereits unser ehemaliger Bundespräsident Gustav Heinemann: „Wer nichts verändern will, wird auch das verlieren, was er bewahren möchte.“

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